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Sorbische Sprache / Serbska rěč

Eine für Fremde besonders interessante Eigenheit der Lausitz (Łužica) ist, dass hier neben dem Deutschen eine bodenständige "Fremdsprache" gesprochen wird: das Sorbische. Sorbisch, für das von alters her auch die Bezeichnung Wendisch gebräuchlich ist, zählt zur Familie der slawischen Sprachen. Damit steht es dem Tschechischen, Polnischen und Slowakischen nahe, mit denen gemeinsam es die Gruppe der westslawischen Sprachen bildet.

Sorbisch ist heute noch in Teilen der Ober- und Niederlausitz verbreitet. Eine ganz andere Situation existierte in historischer Zeit. In den jetzigen Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern siedelten einstmals vorwiegend slawische Stämme und wurden slawische Dialekte gesprochen. Das heutige Sorbisch ist das einzige bis zur Gegenwart erhaltene slawische Idiom in Deutschland.

Schriftliche Zeugnisse in sorbischer Sprache aus dem Mittelalter gibt es nicht. Wir können uns aber mit Hilfe des Deutschen ein ungefähres Bild vom Altsorbischen machen. In weiten Gebieten Ostdeutschlands sind die heutigen deutschen Namen zahlreicher Orte sorbischsprachiger Herkunft. Als Beispiele zwei sächsische Großstädte: der Name Leipzig ist von dem sorbischen Wort lipa "Linde" abgeleitet und Chemnitz wurde vom altsorbischen Wort für "Stein", das im modernen Sorbischen kamjeń lautet, gebildet.

Erste schriftliche Texte in Sorbisch sind uns aus der Zeit nach 1.500 überliefert. Die luthersche Reformation forderte die Verbreitung des Christentums in der Muttersprache der Gläubigen; das begünstigte die Übersetzung der Bibel und anderer in der protestantischen Kirche benötigter Texte. Wenig später entwickelte sich auch ein katholisches sorbischsprachiges Schrifttum, das der religiösen Betreuung der nicht reformierten sorbischen Bevölkerung diente.

Während die ersten Texte in sehr unterschiedlichen, den jeweiligen Mundarten der Übersetzer nahe stehenden Sprachformen verfasst waren, nahm das schriftliche Sorbisch zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine verbindlich normierte Form an. Dabei bildete sich gleichzeitig eine weitere sprachliche Besonderheit des Sorbischen heraus, die bis heute Gültigkeit hat. Es entstand nicht -wie bei der Mehrzahl anderer Völker in frühbürgerlicher Zeit- eine einheitliche Schriftsprache, sondern zwei schriftliche Formen: a) die obersorbische Schriftsprache in der Oberlausitz und b) die niedersorbische Schriftsprache in der Niederlausitz. Auch später wuchs das Sorbische nicht zu einer einheitlichen Schriftsprache zusammen, da es nie Staatssprache war und somit keine zwingende Notwendigkeit für ein gemeinsames Verständigungsmittel bestand. Die Lausitzer Sorben sprechen und schreiben also bis auf den heutigen Tag in zwei Sprachen.

Das Sorbische der Gegenwart ist nicht nur in Bezug auf die zwei schriftsprachlichen Ausdrucksformen gegliedert. Es haben sich auch erhebliche mundartliche Unterschiede erhalten. Der von 1965 bis 1996 im Druck erschienene "Sorbische Sprachatlas" zeigt die dialektale Differenzierung anhand zahlreicher Karten.

Die sorbische Sprache wird heute von ca. 50 bis 60.000 Menschen gebraucht, und zwar sowohl in mündlicher als auch in schriftlicher Form. Sie passt sich den Erfordernissen der modernen Kommunikation an, indem sie ihren Wortschatz ständig erweitert. Sorbisch wird gegenwärtig außer im Alltag u. a. in einer Reihe von Fächern im Schulunterricht, in kulturellen Institutionen und Organisationen, in der Kirche und in bestimmten staatlichen und kommunalen Verlautbarungen verwendet. Die sprachsoziologische Situation bewirkt eine ständige Weiterentwicklung der beiden Schriftsprachen. Trotzdem sind die sozialen Existenzbedingungen des Sorbischen im Vergleich zum Deutschen stark eingeschränkt und werden es auch in Zukunft bleiben.

Quelle: Sorbisches Institut, "Zur Geschichte der Sorben", Mai 2002, Internet: http://www.serbski-institut.de

Foto: XI. Internationales Gemeindefest Nebelschütz, Juni 2002, radyserb